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Birgit Walter: Es ist vorbei, bye, bye

Der Rockmusiker Rio Reiser starb im Alter von 46 Jahren in Nordfriesland

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In diesem Fall ist es angezeigt, mal den eigenen Fluch zu verfluchen. Erst im Mai war Rio Reiser in unserer Redaktion, gab uns ein langes, freundliches Interview vor einem Auftritt in Berlin, das Konzert war dann ausverkauft, aber Rio Reiser kam nicht. Ist einfach nicht erschienen zum Singen. Wir hörten was von einem Stau auf der Autobahn und fluchten so etwas wie "verantwortungslos!", weil ein paar Tausend Zuschauer umsonst gewartet hatten. Gestern erst erfuhren wir, daß Rio Reiser damals schon Blut gespuckt hat, daß er die Tour am nächsten Tag entkräftet abbrechen mußte. Am Dienstag ist Rio Reiser, der eigentlich Ralph Möbius hieß, im Alter von 46 Jahren an inneren Blutungen gestorben. Es endete plötzlich, das Leben des Rio Reiser. "Wir dachten immer, er hätte sieben Leben, wie eine Katze", sagt der Musiker Lutz Kerschowski, der schon öfter um seinen Freund gebangt hat, aber jetzt geschockt ist, "jetzt, wo es ihm eigentlich wieder besser ging". Rio Reiser arbeitete gerade an seinem neuen Album und plante ungeachtet der Anstrengungen eine neue Tournee.

In einem seiner Leben hatte er eine Karriere als anarchischer Rock-Rebell begonnen. Da rief er als Frontmann von Ton Steine Scherben in den siebziger Jahren zur Revolution auf, nach der es "Keine Macht für Niemand" (LP-Titel 1972) geben sollte. "Macht kaputt, was euch kaputt macht", diese Liedzeile von Ton Steine Scherben wurde zum Schlachtruf einer Generation. Rio Reiser, Begründer des Polit-Rocks in Deutschland, avancierte zur Kultfigur der Kreuzberger Szene. "Wo die Scherben zwischen 1970 und 1975 auftraten, gab es wenigstens den Versuch der Hausbesetzung", hieß es damals über die Allianz von Rock und Randale, die mit den Konzerten gewöhnlich verbunden waren. Als sich die Scherben 1985 von der Bühne verabschiedeten, hinterließen sie eine Menge Platten, Erinnerungen an großartige Tourneen und einen enormen Berg Schulden. Im Jahr darauf stellte Rio Reiser das erste Projekt einer neuen Karriere vor, das sich erstklassig zum Abtragen der Schulden eignete: "Rio I.", so der Titel der Solo-LP mit den Charts-Stürmern "König von Deutschland" und "Alles Lüge". Dafür ließ er sich, der einstige Systemverweigerer, vom Spiegel und von der "Zeit" feiern, von Musikkritikern zum "Newcomer des Jahres" wählen und von alten Scherben-Anhängern mit Haß-Attacken überschütten. Brüche wie dieser gehörten zum Leben von Rio Reiser. 1950 in Berlin geboren, aufgewachsen in Süddeutschland, brach er erst die Schule ab und dann eine Fotografenlehre, ging nach England, bevor er Mitte der 60er Jahre zurückkam nach Berlin. In seiner Solo-Laufbahn freilich mutierte Rio Reiser nicht zum angepaßten Schlagerfuzzi, wie ihm seine alten Anhänger vorwarfen. Er wehrte sich gegen das Image des fröhlichen Hofnarren und hatte doch keine Berührungsängste zum Schlager, verstand sich vielmehr im besten Sinne als Volkssänger. Reiser war ein Multitalent, schrieb Opern, Rockmusicals, Filmmusiken und Kinderlieder, außerdem zahllose Titel für andere Künstler, gab seine Autobiographie heraus und arbeitete als Schauspieler. Seine Lieder wurden privater, depressiver, sein politisches Engagement blieb. 1990 trat er der PDS bei. Kein Akt von Profilierung, sondern die Stärkung einer Minderheit, wie er es sah. Er wollte die Interessen der Bevölkerung im Osten vertreten, "die dort über den Tisch gezogen werden". Rio Reiser hatte nach der Wende seine alte Hoffnung auf ein "anderes", nicht nur geld-regiertes Deutschland wieder ausgegraben. Seine Tournee durch die neuen Länder 1990 startete er mit Optimismus, erinnert sich sein Tournee-Manager Wolfgang Schubert. "Aber dieses Jahr hatte er sich doch sehr zurückgezogen. Ich glaube, er war enttäuscht. "Seinen Konzerten war keine Resignation anzumerken. Reiser sah immer noch aus wie ein Hinterhofkind, klang immer berlinisch, selbst, wenn er hochdeutsch sprach. Dünn, blaß und spitz wirkte er doch auf eigentümliche Art erotisch, wenn er so barfuß auf der Bühne zappelte. Und wenn er seine großartigen Liebeslieder sang - "Es ist vorbei, bye, bye, Junimond", "Für immer und dich" - dann war das rührend und nie gefühlig. Reisers Zusammenbruch im Mai war nicht sein erster. Schon vor vier Jahren mußte er eine Tour absagen und Aids-Gerüchte dementieren. Bis zum Schluß, sagte Reiser, habe er nicht genau gewußt, welche Krankheit er habe. "Wahrscheinlich hat sich mein Körper nur gegen Streß gewehrt." Es war wohl immer ernster, als Rio Reiser wahrhaben wollte. Die letzten Monate wohnte er in seinem Haus in Nordfriesland, allein mit einem Freund, in völliger Ruhe.

Berliner Zeitung Ressort: Kultur
Datum: 22.08.1996,
Autor: Birgit Walter


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letzte Änderung: 04.09.2000, marko[at]netz-meister[punkt]de